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43. Verlies Nummer Eins

 

Tertius Fume

Septimus saß neben dem Gerippe und fühlte sich elend. Hundeelend. Sterbenselend. Er dachte an Beetle, der in der Hermetischen Kammer versiegelt und ebenso von der Außenwelt abgeschnitten war wie er hier in den Finsterhallen. Er wusste, dass für sie beide keine Hoffnung mehr bestand.

Er streckte die Hände aus und besah sich den Drachenring, die einzige Gesellschaft, die ihm geblieben war. Er betrachtete das warme gelbe Glühen und das grüne Smaragdauge, und er konnte dem Mädchen nur recht geben: Es war wirklich ein schöner Ring. Und plötzlich machte es Klick – und er verstand, was der kleine Geist mit seinem Geplapper über den Ring gemeint hatte. Septimus trug den Drachenring an der rechten Hand – das wusste er. Er konnte ihn sogar an der rechten Hand spüren, am Zeigefinger, wo er immer saß. Und dennoch: Als er jetzt seine Hände betrachtete, schien der Ring an seinem linken Zeigefinger zu sitzen. Septimus starrte verständnislos seine Hände an. Und dann ging ihm ein Licht auf. Das war es. Der Geist hatte ihm einen Wink gegeben – in den Finsterhallen war alles seitenverkehrt, und das bedeutete: Wenn er geglaubt hatte, er sei links abgebogen, war er in Wirklichkeit rechts abgebogen. Also hatte ihn Simon vielleicht doch nicht getäuscht. Vielleicht ...

Septimus sprang auf und machte sich mit neuem Mut wieder auf den Weg. Er nahm die vermeintlich rechte Tür von den ersten dreien und gelangte wieder in eine große Halle. Er ging schneller, rannte fast vor Aufregung. Ob er das Geheimnis gelüftet hatte und nun endlich auf dem richtigen Weg zu Verlies Nummer Eins war? Hinter einem kleinen Torbogen zweigten zwei Gänge ab. Er nahm den vermeintlich rechten, der sich bald darauf in zwei Treppenaufgänge gabelte. Wieder nahm er den vermeintlich rechten und gelangte an eine schwere Tür. Er stieß sie auf und trat in eine große Höhle, die – er konnte es nicht fassen – beleuchtet war. Große Fackeln loderten in Nischen, die in die glatten Felswände gehauen waren, beschienen die hohe Decke und warfen lange Schatten auf den glatten Steinboden. Septimus hätte am liebsten gejauchzt vor Freude. Er war auf dem richtigen Weg. Er wusste es.

Im Weitergehen begegnete er Gespenstern, Magogs, Zauberern, Hexen und allen möglichen missgestalteten Kreaturen – und er freute sich über den Anblick jedes und jeder Einzelnen. Alle gingen an ihm vorbei, ohne ihm Beachtung zu schenken. Sein Dunkelschleier leistete ganze Arbeit – sie hielten ihn für ein Dunkelwesen, für einen von ihnen.

Septimus schätzte, dass er sich mittlerweile unter der Burg befand. Er kam an Gängen vorüber, die mit Eisengittern versperrt waren und die, wie er vermutete, zu Geheimtüren irgendwo in der Burg führten – Türen, von denen nicht einmal Marcia wusste. In der Luft lag ein aufgeregtes Summen, das wahrscheinlich mit den schwarzmagischen Vorgängen oben in der Burg zu tun hatte. Er kam an zwei Zauberern vorbei, die vor einigen Jahren in Schimpf und Schande den Zaubererturm hatten verlassen müssen, und hörte einen aufgeregt sagen: »Unsere Stunde ist gekommen.«

Und dann tauchte endlich ein Portikus vor ihm auf. Die goldenen Streifen im Lapislazuli der Säulen glänzten im Fackelschein, und Septimus wusste, dass dies der Eingang ins Vorzimmer zu Verlies Nummer Eins war. So aufgeregt, dass er kaum atmen konnte, erreichte er ein paar Minuten später den Portikus.

Er wollte ihn gerade durchschreiten, als jemand an ihn herantrat. Es war Tertius Fume, der hier unten als selbst ernannter Aufpasser vielen Geistern Angst einjagte. Seine Berührung war so kalt, dass Septimus ein heißer Schauder durchlief. Er blieb stehen. Das Herz klopfte ihm bis zum Hals. Sein Dunkelschleier wurde jetzt auf die bislang härteste Probe gestellt. Ob Tertius Fume Septimus erkennen würde?

Allem Anschein nach nicht. Er musterte ihn mit seinen durchdringenden Ziegenaugen und fragte:»Wer bist du?«

Septimus war darauf gefasst. »Sum.«

»Wie bist du?«

»Böse.«

»Was bist du?«

»Der Lehrling des Lehrlings des Lehrlings DomDaniels.«

Tertius Fume blickte überrascht. Er fragte nicht weiter und versuchte dahinterzukommen, wer Septimus genau war. Septimus nutzte die Verwirrung des Geistes und ging durch den Portikus. Er war wahrscheinlich der erste Neuankömmling, der tiefe Freude empfand, als er in den großen, runden, mit schwarzen Ziegeln ausgekleideten Raum trat, der voller deprimierter Geister war. Jetzt musste er noch nur einen ganz speziellen Geist finden.

Septimus ließ den Blick durch den Raum wandern, und sein Herz tat einen Sprung. Dort war Alther. Er saß reglos auf einer in den Fels gehauenen Steinbank, die Augen hatte er geschlossen.

Tertius Fume hatte den Versuch aufgegeben herauszufinden, wer Septimus war – es gab zu viele Möglichkeiten –, und war ihm in das Vorzimmer gefolgt.

»Warum bist du hergekommen?«, fragte er.

Septimus beachtete ihn nicht und machte sich auf den Weg zu Alther. Tertius Fume folgte ihm wie eine Gewitterwolke, während Septimus sich vorsichtig, um niemanden zu passieren, durch die Menge der Geister schlängelte. Dann stand er glücklich vor Alther. Wie viele Male hatte er sich diesen Augenblick bei seinem Marsch durch die Finsterhallen ausgemalt. Wie sehr hatte er sich danach gesehnt, Althers Gesicht zu sehen, wenn der alte Zauberer aufschaute und ihn durch den Dunkelschleier hindurch erkannte. Doch zu seiner Enttäuschung geschah nichts – Alther reagierte überhaupt nicht. Er schien seine Umgebung nicht wahrzunehmen. Er behielt die Augen geschlossen und saß da wie eine Statue. Septimus spürte, dass sich Alther tief in sein Inneres zurückgezogen hatte.

In Erinnerung an Marcellus Pyes Anweisung, im Beisein von Dunkelkräften – und das war hier mit Sicherheit der Fall, solange sich Tertius Fume in seiner Nähe herumdrückte – nur die festgelegten Antworten von sich zu geben, stand Septimus da und überlegte, wie er Alther erreichen sollte. Tertius Fume löste das Problem für ihn.

»Warum bist du hergekommen?«, fragte er wieder.

In der Hoffnung, dass Alther ihn an der Stimme erkannte, antwortete Septimus laut: »Ich suche den Lehrling DomDaniels.«

Der Augenblick, da Alther ihn erkannte, war einer der schönsten in Septimus’ Leben. Althers Augen öffneten sich langsam, und Septimus sah darin den Funken des Erkennens aufblitzen. Doch Alther rührte sich kein bisschen. Seine Augen schielten zur Seite, erblickten Tertius Fume und schlossen sich wieder.

Tertius Fume entging, dass Alther aufgewacht war, denn er war zu sehr damit beschäftigt, den Neuankömmling zu mustern. Irgendetwas an diesem Sum war merkwürdig – aber was genau es war, vermochte er nicht zu sagen. Er bedachte Septimus mit einem Ziegengrinsen und erwiderte: »Dann bist du hier falsch, Sum. Der Lehrling DomDaniels macht sich gut – erstaunlich gut, wie man hört. Und zwar oben.«

Septimus verbeugte sich und lächelte.

Tertius Fume erwiderte die Verbeugung spöttisch und entschwebte. Septimus setzte sich neben Alther. Er wusste, dass Tertius Fume ihm nicht traute, und musste rasch handeln. Er kam gleich zur Sache. »Marcia hat mir die Umkehrformel für den Bannzauber gegeben. Ich bin hier, um sie Ihnen zu bringen.« Er warf dem Geist einen Blick zu. Für Zuschauer hatte sich nichts an Althers Haltung geändert. Er saß weiterhin stocksteif da, die Augen wieder geschlossen. Doch Septimus spürte, dass er gespannt war wie eine Katze vor dem Sprung. Er war zum Gehen bereit.

Septimus holte tief Luft und begann, mit leiser, monotoner Stimme den Umkehrzauber zu sprechen. Am liebsten hätte er die Worte heruntergerasselt und die Sache zügig hinter sich gebracht, bevor Tertius Fume den Braten roch, aber das durfte er nicht. Der Umkehrzauber musste ein getreues Spiegelbild des ursprünglichen Bannzaubers sein. Er musste genauso lange dauern, auf den Bruchteil einer Sekunde genau. Und er musste am Schluss des Bannzaubers beginnen und an seinem Anfang enden.

Fünfeinhalb Sekunden vor dem Ende des Umkehrzaubers hatte Tertius Fume endlich zwei und zwei zusammengezählt. Aus einer engeren Auswahl von sieben Kandidaten hatte er den richtigen herausgefunden. Jetzt wusste er, wer Sum war. Wie ein Blitz schoss er quer durch das Vorzimmer. Er passierte jeden Geist, der ihm im Weg stand, und wäre ihm nicht ein besonders muffeliger Geist – ein bedauernswerter Maurer, der beim Ausbessern der Wand ins Verlies Nummer Eins gestürzt war – in die Quere gekommen, so wäre er wohl noch rechtzeitig bei Septimus gewesen, um die Umkehr des Bannzaubers zu unterbrechen. So aber kam er, dem Maurer sei Dank, genau in dem Augenblick an, als die allerletzten Worte – »Overstrand Marcia, ich« – gesprochen wurden.

Wie eine Sprungfeder schnellte Alther in die Höhe, packte in höchst ungeisterhafter Art Septimus an der Hand und stürzte mit ihm zu dem schwarzen Strudel, der genau in der Mitte des Vorzimmers wirbelte. Tertius Fume jagte ihnen nach, kam aber zu spät. Septimus und Alther wurden in den Strudel hineingezogen, während der weiterhin verbannte Tertius Fume zurückgestoßen und durch das Vorzimmer gewirbelt wurde wie jeder Neuzugang, den das Verlies Nummer Eins ausspuckte.

Septimus und Alther waren frei. Gemeinsam durchbrachen sie die Schichten aus Knochen und Verzweiflung, bohrten sich durch Schlamm und Schleim und wirbelten in den Schacht von Verlies Nummer Eins. Septimus wurde regelrecht in die Höhe katapultiert. Weit über sich sah er die Eisensprossen der Leiter, die er erreichen musste. Er wurde immer höher und höher getragen, bis er nur noch eine Armlänge von der untersten Sprosse entfernt war. Da spürte er, dass er den Schwung verlor, und er begriff, dass er sie nicht erreichen konnte. Gleich würde er in den Morast am Boden des Verlieses zurückstürzen, in den Morast, dem nur wenige entrannen. Mit Entsetzen sah Alther, wie die Schwerkraft von Septimus Besitz ergriff.

»Flieg, Septimus! Stell dir vor, dass du fliegst!«, rief der Geist, der jetzt neben ihm schwebte. »Stell es dir vor, tu es. Flieg!«

Und so erinnerte sich Septimus an einen Augenblick am Rand eines eisigen Abgrunds und dachte an seinen alten Flug-Charm, der jetzt in den Gewölben des Manuskriptoriums in einem Gefäß lag. Sogleich spürte er, wie die Schwerkraft von ihm abfiel und er wieder neuen Schwung bekam. Im nächsten Moment hielt er die Eisensprosse am Fuß der Leiter umklammert und wusste, dass er gerettet war.

Alther blieb an seiner Seite, während er die Sprossen erklomm. Das Heulen des Strudels tief unten wurde immer leiser, je höher er kletterte, und dann endlich konnte er die dicke, von Rost durchzogene Eisentür oben sehen. Auf der allerletzten Sprosse blieb er stehen und knöpfte, sich mit einer Hand festhaltend, die Tasche auf, in der sich der kostbare Schlüssel befand. Er brauchte viele lange und ermüdende Minuten, bis alle Knöpfe offen waren. Dann endlich konnte er den Schlüssel herausziehen, schlang sich sicherheitshalber sein Band um das Handgelenk, steckte den Schlüssel in das Schloss und drehte ihn um.

Die Tür sprang auf, und schwarzer Nebel quoll herein und drückte den völlig überraschten Septimus nach hinten. Er wäre in den Schacht gefallen, hätten ihn nicht vier starke Arme gepackt und wie einen Sack Kartoffeln durch die Tür nach draußen gezerrt.

»Sep, du bist gerettet! Und Sie auch, Onkel Alther! Ja, ihr seid beide gerettet!« In dem schwarzen Nebel klang Jennas Stimme wie aus weiter Ferne, doch ihre Freude und Erleichterung waren nicht zu überhören.

Keuchend saß Septimus gegen den kleinen Backsteinkegel über Verlies Nummer Eins gelehnt, zu erschöpft, um mehr zu tun, als zu lächeln. Jenna und Nicko, beide in den weiten Hexenmantel gewickelt, sahen ihn an und erwiderten sein Lächeln. Sie mussten nichts sagen – sie waren wieder vereint.

Doch Alther hatte etwas zu sagen. »Hmm«, brummte er. »Ihr habt den Laden ganz schön verlottern lassen, während ich weg war.«

Septimus Heap 06 - Darke
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